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Jan 04

Rollenspiel vs. World of Warcraft

Hallo zusammen

Seit ein paar Wochen, ja, Monaten, bin ich meiner früher so starken Sucht, dem Aufenthalt in der World of Warcraft, abhold. Ich sage bewusst nicht abstinent, denn – was ich nie erwartet hätte – ich hab keinerlei Entzugserscheinungen oder Rückkehrsehnsucht.

(mit anderen Worten:)

(Tevarion von Tyrras ist Geschichte)

Toll, Guido, was interessiert uns das? Vermutlich nicht die Bohne, und dennoch möchte ich der Welt mitteilen, warum es mir so unerwartet leicht fiel. Und das liegt und lag auch an einer gewissen Müdigkeit dem gegenüber, was ich über Jahre energisch vertreten und betrieben habe – Rollenspiel in WoW.

Ich will nicht leugnen, dass WoW und das dortige RP mal eine riesige Anziehungskraft auf mich hatten. Nach der Testphase in WoW hörte ich von RP-servern – da musste ich hin. Anfangs war ich dort nur ein „Atmo-Leecher“, also genoss einfach den etwas netteren Umgangston, ohne mich aber gross an RP zu beteiligen. Mit einer RP-vergangenheit seit den frühen Teenagerjahren aber war es bald der logische Schritt, WoW mit RP zu kombinieren, sprich, schliesslich auch eine eigene RP-Gemeinschaft zu gründen. Tatsächlich kann und möchte man schnell einige Zeit darauf verwenden, dort Abenteuer zu planen und RP-abende zu gestalten, jedenfalls wenn man als RPler so gestrickt ist wie ich (seit eh und je mehr der klassische Meister als der Spieler).

Doch bald merkt man die drastischen Einschränkungen. Und ich rede nicht mal so sehr von den Unzulänglichkeiten der Engine, die der Hersteller auch nach Jahren nicht im Geringsten angehen will, mit denen hat man sich arrangieren gelernt. Stühle sind halt unbeweglich und zu nah an den meisten Tischen dran als dass man sich hinsetzen könnte, Türen stehen entweder immer auf oder immer zu. Questgegenstände für eigene Abenteuer müsste man mühsam selber herstellen mittels Addons, und sind dann nur denjenigen zugänglich, die auch dieselben Addons in vergleichbarer Version verwenden. Optisch dargestellt würden solche Gegenstände eh nicht… Alles egal, denn:

Trotz einer riesig erscheinenden Welt kann ich einfach nicht jede denkbare Geschichte erzählen. Oder sagen wir, ich kann sie erzählen, in ein Forum schreiben, aber ich kann nicht im Spiel Leute halbwegs frei miteinander agieren lassen. Warum nicht? Weil die Natur des Spiels so ist, Segen und Fluch zugleich…

Was meine ich eigentlich? (Guido, bring die Sache doch mal für einen Layen auf den Punkt, für den theoretisch an WoW Interessierten RPler, an den sich dieser Beitrag wohl richtet… ;-))

Wenn ich in WoW ein Abenteuer erzählen will, dann lebt dieses nunmal „nur“ von den visuellen Effekten, die ich darstellen kann. … Um die Geschichte zu motivieren, muss ich Chars einbauen, welche von dieser berichten, bin auf Statisten angewiesen, kann und will Reisen nur sehr verkürzt darstellen, kann aber niemals auf jede Entscheidung der Gruppe vorbereitet sein. Denn jeder alternative Handlungsstrang ist mindestens ein weiterer NPC, der vom Meister oder von einem Freiwilligen verkörpert sein will. Und obwohl man wahnsinnig Glück haben kann mit solchen, sind sie sehr rar gesät, wer möchte sich schon dauernd zur Verfügung halten, um die Geschichte eines anderen im schlimmsten Falle nur als Statist zu bereichern.

Der übliche Kompromiss lautet dann meiner Erfahrung nach ungefähr so: Einer hat ne vage Idee, erzählt ein wenig, andere bringen sich ein, die Idee spinnt sich fort, Theorien werden entwickelt und wieder verworfen, aber am Ende muss die Geschichte entweder reines Erzählen unter den Chars bleiben oder dort münden, wo der Meister drauf vorbereitet ist…

Das kann für den SPIELER spannend sein, da er das Ende ja nicht kennt – oder sagen wir, das kann für den Spieler, der sich beim Pen und Paper auch nicht ständig über „Railroading“ beschwert, spannend sein – für den MEISTER/ERZÄHLER niemals, denn er weiss genau, worauf es hinauslaufen wird und kann nur geringfügig von seiner üblichen Faszination (s.unten) zehren. Und ja, das ist ein riesiger Unterschied zum Meistersein beim Pen & Paper. Dort kommt es zwar auch (meinetwegen sogar in 50% der Sitzungen) genau so, wie der Meister es vorbereitet hatte. Aber das Spiel lebt eben doch sehr von der Offenheit, von den Überraschungen, die der Meister spontan einbringen kann oder welche die Spieler einander und dem Meister bereiten. Und gerade letzterer hat nicht unbedingt immer den meisten Spass „nur“ daran, dass die Spieler die Geschichte toll aufnehmen und begeistert dieser folgen. Sondern eben „auch“ daran, wie sie sich durch die vielen verschiedenen möglichen Ausgänge der Geschichte navigieren, welche der falschen Spuren sie verfolgen und welche sie durchschauen, woran sie unerwartet scheitern und was sie unerwartet viel leichter bewältigen als gedacht. Mir ist beim Schreiben klar, dass nicht unbedingt klar rüberkommt, was ich ausdrücken möchte, sorry, drum nochmal kurz zurück an den Anfang – die Natur des Spiels:

Es wäre theoretisch denkbar, sich tausende Dinge virtuell vorzustellen und nur im WoW-Chat zu beschreiben, einen Überfall, eine riesige Karte, die auf den Boden einer Halle gezeichnet wurde, ein neu entstandenes Labyrinth… Aber da das Spiel einen logischerweise auf das Sichtbare konditioniert, fühlen sich solche Kompromisse sehr schnell schal an. Das Erleben des Spielers ist nunmal mit dem verknüpft was auf dem Bildschirm zu sehen ist, so simpel ist die Angelegenheit.

Und natürlich kann ich diesen Aspekt nicht der Engine anlasten, ich BIN nunmal nicht wirklich Meister in dem Spiel, sondern letzten Endes auch nur ein Spieler, der mit Tricks und vielen Helfern eine Geschichte erzählt.

Fazit: Wenn man

  • zuviel Zeit hat oder
  • durch eine fehlende Pen & Paper Gruppe sonst zuwenig RP oder
  • einem rein sprachliches Interaktions-RP (Lagerfeuer-RP?) eh der wichtigste Teil des RPs ist oder
  • das Erleben einer Geschichte auch auf Dauer nicht dadurch getrübt wird, dass sie entweder stark möglichkeits-eingeschränkt oder streng vorgegeben ist

…dann kann WoW-RP durchaus Spass machen. Auf Dauer wirklich erfüllend wird es eher nicht sein, wenn einem andere Aspekte ebenso wichtig sind (Kurzform: wenn man so gestrickt ist wie ich).

Ich sage an dieser Stelle also nochmal herzlich DANKE an alle RPler, von deren (u.a. Vorbereitungs-)Zeit ich profitieren durfte und die meine (u.a. Vorbereitungs-)Zeit durch ihre Teilnahme und ihr Mitmachen wertvoll gemacht haben. Aber ich sage auch endgültig adieu, „RP-Ersatz“ in WoW. Und hallo zurück – viel zu lange vernachlässigtes – schönstes Hobby der Welt, „richtiges RP“!

Nachtrag zum Titel des Beitrags – warum eigentlich „vs.“:

Neben der dargelegten Diskrepanz zwischen Möglichkeiten im WoW-RP und Möglichkeiten im Pen & Paper gibt’s noch ne zweite Ebene warum ich die Formulierung „versus“ gewählt habe. Nämlich dass es eben – für mich – sowohl auf die zur Verfügung stehende Zeit als auch auf den freien Platz in meiner Gedankenwelt bezogen stets nur ein „entweder oder“ gab, also ich nicht beides „voll“ ausleben kann.

Das hab ich hier garnicht diskutiert, weil das ja vielleicht anderen Leuten anders geht. Bei mir war’s sowohl bzgl. RP als auch bzgl. WoW stets so: Wenn mich was packt, packt’s mich (mindestens phasenweise) ganz, frisst meine Freizeit so gut wie komplett auf und schleicht sich wie der Eine Ring stets wieder in mein Bewusstsein und lässt nichts anderem mehr Platz. Bei WoW stand halt (erneut: bei mir) stets der Suchtcharakter (nach tausend kleinen, wirklich nur scheinbar so wichtigen Dingen) im Vordergrund, ganz unabhängig vom RP in WoW. Das wollte ich hier aber garnicht so thematisieren, da gibt’s eh schon tausende Artikel zu, nehm ich mal an. Und ich hab ja auch an keiner Stelle behaupten wollen, dass mich die Aussicht auf („richtiges“) RP von WoW kuriert hat, dennoch – sich die Unzulänglichkeiten von WoW mal klar zu machen, lässt mich das (RP-) Leben seitdem umso mehr geniessen.

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